11. Dezember 2009
Herbert May bei seinem Vortrag zum Thema "Zwangsarbeit im ländlichen Raum" in der gut besuchten Johanniterscheume in Rothenburg ob der Tauber. Mehr Fotos sehen Sie hier unten in der Bildergalerie. Foto: JoE
Herbert May, Bad Windsheim
"Zwangsarbeit im ländlichen Franken"
Herbert May, Mitarbeiter des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim, berichtete im Rahmen der Wintervortragsreihe des Vereins Alt-Rothenburg, diesmal auch in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Bildungswerk Rothenburg, anhand umfangreichen Bildmaterials über Zwangsarbeit im ländlichen Franken.
Johanniterscheune (Kriminalmuseum), Rothenburg o.d.T. | 20.00 Uhr | Eintritt frei.
Veranstalter:
Verein Alt-Rothenburg
in Zusammenarbeit mit dem
Evangelischen Erwachsenenbildungswerk Rothenburg ob der Tauber.
Der Vortrag zum herunterladen
Herr May stellte uns sein Manuskript seines Vortrages für eine Veröffentlichung zur Verfügung. Dafür an dieser Stelle ein herzliches Danke schön.
Sie können den Vortrag als PDF-Datei herunterladen [381 KB]
oder hier eine Leseprobe
Die Kurzfassung des Vortrages (f. Fränk. Anzeiger)
Massiver Einsatz von Zwangsarbeitern
im 2. Weltkrieg im Rothenburger Raum
Vergangenen Freitag sprach Herbert May, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Freilandmuseum in Bad Windsheim, Lehrbeauftragter an der Universität Bamberg für Archäologie und Bauforschung, profilierter Wissenschaftler und Denkmalschützer, im Rahmen der winterlichen Vortragsreihe des Vereins Alt-Rothenburg über „Zwangsarbeit im ländlichen Franken 1939 – 1945“. Organisiert wurde der Vortrag von Pfarrer Dr. Oliver Gußmann als Leiter des Evangelischen Bildungswerks Rothenburg.
Dr. Gußmann erinnerte in seiner Einführung an die aktuelle Lage der Menschenrechte weltweit. Auch im selbstgerechten Europa gebe es Missstände. Der Termin des Vortrags von Herbert May wurde bewusst an den „Tag der Menschenrechte“ am 10. Dezember angelehnt.
Der Referent erläuterte zunächst die Quellenlage zur Problematik der Zwangsarbeiter im 2. Weltkrieg. Für den fränkischen Raum stellt es einen Glücksfall dar, dass die Gestapo-Akten für Unterfranken im Staatsarchiv Würzburg weitgehend erhalten sind. In fast allen anderen Gebieten Deutschlands wurden solche Akten am Ende des Krieges von den Nazis vernichtet. Im Rahmen einer im Freilandmuseum stattgefundenen Ausstellung zum Thema wurden – nicht zuletzt von Schülern des Ansbacher Carolinums – rund 50 Zeitzeugen befragt.
Auf dieser Grundlage konnte man sich einer Materie nähern, die lange Zeit zu den am schlechtesten erforschten des Dritten Reiches gehörte. Als man sich erbärmlich spät mit den in Deutschland eingesetzten Arbeitssklaven wissenschaftlich beschäftigte, interessierten in erster Linie die in der Industrie ausgebeuteten, oft zu Tode geschundenen Menschen aus Polen, der Sowjetunion, aus Frankreich, Italien und anderen Ländern. Die im ländlichen Raum eingesetzten Männer und Frauen blieben bis vor kurzem fast ohne Beachtung.
Dabei ersetzten schon seit 1939 Kriegsgefangene aus Polen die zur Wehrmacht eingezogenen Männer in der Landwirtschaft. Im Lauf der Zeit wuchs das Heer der Zwangsarbeiter in die Millionen. Neben den Kriegsgefangenen gab es zahllose Menschen – darunter viele junge Frauen, oft halbe Kinder -, die mit Gewalt „rekrutiert“ wurden. Nur wenige kamen freiwillig und ließen sich von Versprechungen anwerben.
Fast jeder Bauernhof im Altlandkreis Rothenburg arbeitete im Verlauf des Krieges mit einem oder mehreren Zwangsarbeitern, so dass schließlich eintausend und mehr Menschen aus fremden Ländern in der hiesigen Landwirtschaft tätig waren. Ihre Lebensbedingungen waren fast immer besser als die der in der Rüstungsindustrie erbarmungslos verheizten Fremdarbeiter. Die meist jungen Ausländer bekamen in der Regel genügend zu essen, nicht selten aßen sie am Tisch der Bauernfamilie, sie hatten oft menschenwürdige Schlafplätze, gelegentlich entwickelte sich ein geradezu familiäres Zusammenleben, das sich in der Nachkriegszeit in Briefwechseln und Besuchen dokumentierte.
Eigentlich hätte es vollkommen anders sein sollen. Die Regelungen der Nazis für den Umgang der deutschen Bevölkerung mit den Zwangsarbeitern waren hart, ja brutal. Jeglicher persönlicher Kontakt war verboten, Vergehen wie Arbeitsverweigerung wurden streng bestraft, Liebschaften zwischen Deutschen und Ausländern konnten zur Hinrichtung des Fremden oder zu seiner Einweisung in ein KZ führen. Deutsche Frauen, die sich der „Rassenschande“ schuldig gemacht hatten, trieb man mit geschorenem Kopf durch die Dörfer und stellte sie an den Pranger. Und sicherlich kam es auch zu vielen Übergriffen von Bauern gegenüber den Zwangsarbeitern, die man drangsalierte und vorschriftsmäßig schäbig behandelte. Insgesamt überwiegt aber der Eindruck, dass es den Kriegsgefangenen und sonstigen Fremdarbeitern in der Landwirtschaft besser ging als den Industriesklaven.
Nach dem Ende des Krieges waren die ehemaligen Zwangsarbeiter zunächst „displaced persons“, die man seitens der amerikanischen Besatzungsmacht in ihre Heimat zurückführen wollte. Sehr viele Polen und Ukrainer fürchteten jedoch (zu Recht) erneute Gewalt und Diskriminierung und wanderten z. B. nach Amerika aus. Andere blieben in Deutschland, integrierten sich, heirateten Deutsche und bauten sich eine neue Existenz auf.
Herbert May mischte in seinem lebendigen Vortrag den Stand der aktuellen wissenschaftlichen Forschung immer wieder mit lebendig vorgetragenen Zitaten aus Zeitzeugenberichten, die einerseits seinen Ausführungen ein hohes Maß an Anschaulichkeit verliehen, andererseits Betroffenheit und Staunen erzeugten.
Die abschließende Aussprache im doch mehr als 50 Besucher zählenden Publikum zeigte, dass viele Erinnerungen der älteren Generation an die Zwangsarbeiter des Zweiten Weltkrieges noch vorhanden sind. Unsere lokale Geschichtsforschung hat hier ein lohnendes Aufgabenfeld.
Impressionen von diesem Vortrag
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